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Blick in die Zukunft
Wenn aus dem Positiv das Negativ und aus Schwarz plötzlich Weiß wird: Die aus Finnland stammende Miia Autio zeigt in "Variation of White" dunkelhäutige Menschen, die in Wirklichkeit weiß sind. Ein genetischer Defekt hat aus ihnen Albinos gemacht, was sie in Tansania zu Aussenseitern der Gesellschaft stempelt. (Foto: Miia Autio, Variation of White, www.guteaussichten.org)
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Blick in die Zukunft

'Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie 2016/2017'


Eine besondere Schau bietet das Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg bis zum 1. Mai: Der fotografische Nachwuchs zeigt, was er kann. Es sollen die besten Jungfotografen dieses Landes sein. Und jeder ist eingeladen, die Talente kennenzulernen.

Was umtreibt die Jugend? Was sind ihre Zielsetzungen? Ist sie für die Zukunft gerüstet, um die kulturellen und sozialen Errungenschaften einer Leistungsgesellschaft zu erhalten? - Es ist das Privileg der älteren Generation einen kritischen Blick auf die Nachkommenschaft zu werfen. Und was wir dieser Tage im Haus der Photographie der Deichtorhallen in Hamburg zu sehen bekommen, lässt tief blicken ... auf ein erfreuliches Potential.

Betritt man die Ausstellungsfläche für die Siegerbeiträge des Wettbewerbs "Gute Aussichten - Junge deutsche Fotografie 2016/2017" mit den 280 Motiven, sechs Videos, zwei Diaprojektionen, einem Buch und 78 laubgesägten Holzbäumen als auch einem Duschvorhang, dann fesselt gleich zu Beginn ein übergroßes Motiv den Blick des Betrachters: Eine Nackte auf einer Lichtung im Wald. Genießt sie das Eins-Sein mit der Natur, oder handelt es sich um ein Tete-a-Tete, bei dem der Liebhaber soeben um die Ecke entschwunden ist? Ihre Haltung gibt Rätsel auf ... eine Haut wie aus Wachs ... Haare, als trüge sie eine Perücke ...

Ein Gewerbe, das so alt sein dürfte wie die Welt: Sexarbeit oder Prostitution. Chris Becher zeigt uns in seiner Feldstudie "Boys" männliche Sexarbeiter, fotografiert auf gleicher Augenhöhe, in sachlichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. So lenkt er unseren Blick auf die Menschen, die im Fokus seiner Untersuchung stehen. Und indem er jegliche Bewertung bewusst vermeidet, öffnet er auch unsere Augen für eine wertfreie Betrachtung (Foto: Chris Becher, Boys, www.guteaussichten.org)

Schon hat die Fotografin Julia Steinigeweg (Absolventin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) den Betrachter in ihre Studie über ein Leben mit Puppen hineingezogen. Durch die Porträts verleiht sie den Kunstfiguren eine irritierende Identität. Doch das macht die von ihr abgebildeten Lebensgemeinschaften mit Menschen vielleicht erst verständlich: Darin geht es um weit mehr als Sexualität - es geht um Geborgenheit, Fürsorge, Nähe oder einfach um den Körper an sich. Steinigeweg wirft die Frage auf: Welche Bedeutung kommt der physischen Präsenz zu. "Körper, Geist und Seele." Was, wenn nur der Körper zur Verfügung steht? Kann er uns als Mensch mit all unseren Ansprüchen zufrieden stellen?

Die selbstbewusst und offen auftretende Julia Steinigeweg meinte während des Pressrundgangs: Ja. Einer der von ihr aufgesuchten Personen, die mit einer Puppe koexistiert äußerte ihr Glück darüber, dass die Puppe zwar nicht interagiere aber emotional auch nicht verletze.

Es war augenscheinlich, dass der Kurator der Deichtorhallen und Mitglied der hochkarätigen Jury, Ingo Taubhorn, von dieser Bilderserie ganz besonders angetan war: "Ich habe schon lange keine Arbeit mehr gesehen, die so tief in einem wirkt." Was für ein Kompliment.

Was benötigt ein Mensch, um Liebe zu empfinden? Julia Steinigeweg überschreitet in und mit ihrer Reihe "Ein verwirrendes Potenzial" gesellschaftliche und fotografische Grenzen: Die Puppe als Menschenersatz - die ge- und erlebte Illusion (Foto: Julia Steinigeweg, Ein verwirrendes Potenzial, www.guteaussichten.org)
Intensiv setzte sich Chris Becher von der Kunsthochschule für Medien Köln in seiner Abschlussarbeit mit dem Thema männliche Sexarbeiter unter dem Titel "Boys" auseinander. Was so jovial klingt, ist streng sachlich aufgearbeitet. Statt Angehörige eines Milieus porträtiert Becher perspektivisch distanziert und farblich reduziert den Menschen dahinter. So werden die Personen nahbar. Becher bereinigt existierende Vorbehalte und öffnet den Blick für das Wesentliche.

Um Menschen geht es auch Mila Autio von der Fachhochschule Bielefeld in ihrer Serie "Variation of White" (siehe auch PHOTOGRAPHIE 1-2/2017). Darin hebt sie die Stereotypen von "Schwarzen" und "Weißen" auf. Es waren Albinos, die sie vor farbigem Hintergrund ablichtete, ins Negative verkehrte und dann mit einer visuellen Raffinesse versah: Blickt man nur lange genug auf den in der Mitte platzierten roten Punkt im Porträt und dann gegen die weiße Decke des Hauses der Photographie, erlebt man eine optische Überraschung.

Afrika war auch das Reiseziel von Holger Jenss: Dort erlebte der Student der Kunsthochschule Kassel sich als weißer Ausländer. In seiner Präsentation "Last Chance Junction", zu dem auch besagter Duschvorhang gehört, lädt er den Besucher ein, sich filmisch als auch bildlich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.

Was fotografiert ein weißer Europäer in einem afrikanischen Land? In "Last Chance Junction" geht es Holger Jenss um Vorstellung und Aneignung, um den reisenden Fotografen und fotografierenden Reisenden, um den - auch immer wieder mal humoristischen - Versuch, alles richtig zu machen (Foto: Holger Jenss, Last Chance Junction, www.guteaussichten.org)
Dass zur fotografischen Darstellung auch Fundstücke aus der Vergangenheit eine aussagekräftige Ergänzung darstellen, veranschaulicht Andreas Hopfgarten in seiner während dreier Jahre entstandenen, komplexen Installation aus 78 laubgesägten kleinen Tannen auf dem Boden, einer Diaprojektion, Briefen hinter Glas und eben Fotografien. Im Bestreben, Wissenslücken in seiner familiären Biographie während der NS-Zeit zu schließen, zeichnet der Spross der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg unter dem Titel "Die Weltesche Yggdrasil oder die Suche nach einer verlorenen Erinnerung" ein individuelles Bild, das sich auch auf die Betrachter seiner Erlebniswelten projizieren lässt.

Carmen Catuti von der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig war der Heiligkeit auf der Spur. Sie brachte mit "Marmarilo" (georgisch für Marmor) eine außergewöhnlich feinsinnige Arbeit mit Reminiszenzen aus dem christlichen Glauben hervor. Ihre aus dem Kontext gerissenen Sachaufnahmen provozieren eine neue thematische Herangehensweise. Faszinierend die Aufnahme von einem Glas, das durch die langjährige Lichteinwirkung den Schatten einer Marienikone angenommen hat. Erst bei genauer Betrachtung hebt sich diese Erscheinung in der Fotografie Catutis ab. Näher kann man einem Heiligenbild wohl nicht kommen, wenn man es denn sucht.

Quoc-Van Ninh, in Deutschland geboren, der Vater Vietnamese, die Mutter Chinesin, fuhr nach Vietnam, um das vermeintlich "Fremde" in sich zu erkunden. Was er dort entdeckte und mitbrachte, nennt er "Tenebrae", einen dunklen, gleichzeitig magischen und bildgewaltigen Kosmos, in den wir ihm villeicht gar nicht so ungern folgen (Foto: Quoc-Van Ninh, Tenebrae, www.guteaussichten.org)
Eine echte Überraschung waren die Fotografien von Quoc-Van Ninh: Außergewöhnlich ausgereift für einen Hochschulabsolventen (Hochschule für Künste Bremen). Seine Impressionen taucht er ins nächtliche Dunkel. Und so ist man genötigt, näher an die Bilder heranzutreten, um deren rätselhafte Inhalte zu erfassen. Doch so groß das Vorstellungsvermögen auch sein mag, Quoc-Van Ninh ist geneigt, nicht jedes der surrealen Bilderrätsel aufzulösen. Das ist auch nicht nötig, weil Formen, Reflexionen, Strukturen und zarte Farbreste, die das spärliche Licht noch preisgibt, eine Ästhetik hervorbringen, bei der das Schauen alleine befriedigt.

www.deichtorhallen.de


Autor: A. Spaeth

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