Jo Röttger - 'Truppenbesuch' im Großformat
Still wie der Krieg
Wer ist der Fotograf, der mit einer alten Großformatkamera nach Afghanistan zog und Bilder von einer befremdlichen Idylle mit nach Hause brachte? Ein Besuch bei Jo Röttger.
Schön ist der Himmel über dem Hindukusch, sternenklar die Nacht. Ein Mensch richtet sein Teleskop in die Weite des Universums. Zwei Freunde spielen im gemütlichen Campmobil Skat. Afghanistan - ein Sommermärchen? Kaum zu glauben, auch nicht wahr. Der Sternengucker ist ein Soldat. Das Teleskop ein Granatwerfer. Die Camping-Sternwarte ein mobiler Tötungsapparat der Bundeswehr. Ein Stillleben vom Krieg. Der Künstler: Jo Röttger.
Wir sind mit dem Fotografen verabredet, der die deutschen Einsatzkräfte in den Norden Afghanistans begleitet und die morbiden Schauplätze in einer irritierenden Ästhetik abgelichtet hat.
Ein wenig verloren steht der Soldat in der Landschaft, während sich ein kitschiges Farbenspiel über die Silhouette des Hindukusch legt.
Als hätte Caspar David Friedrich sie persönlich hierhergepinselt. So still kann Krieg sein.
Herr der Kontraste
Blankenese, Treppenviertel. Dort, wo die Elbe schon fast wie ein Meer anmutet. Wo Touristen staunend durch die verwinkelten Gassen streifen und sich fragen, ob das hier wirklich noch Hamburg ist, oder nicht doch ein südeuropäischer Sehnsuchtsort. Dort, im malerischen Strandweg, hat er sein Atelier. In einem echten Kapitänshaus, neben einem rot-weiß gestreiften Leuchtturm, ganz wie aus dem Bilderbuch, mit Blick aufs Wasser. In gemütlichen Cordhosen und Laufschuhen öffnet Jo Röttger die Tür, bittet ins Wohnzimmer.
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Gefahr im Verzug? Diese Aufnahme hängt im großen Format über Jo Röttgers Esstisch.
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Schwarzweiß-Fotografien von Künstlerkollegen Dirk Reinartz und Rudi Meisel hängen an der Wand, dahinter: die Elbe, umrahmt von Balkontüren. Seit zwei Jahren fotografiert Röttger von seinem Balkon aus den Fluss - immer denselben Blick. Die Jahreszeiten auf den Bildern ändern sich, der Standpunkt nicht. Eine kontemplative Beschäftigung, streng konzeptionell. Wir aber sind heute hier, um über andere Bilder zu sprechen: Bilder aus dem Krieg. Eine dieser Aufnahmen hängt im großen Format über dem Esstisch. Sie zeigt einen Afghanen mit einem Blumenstrauß am Fahrrad. Am Straßenrand, nur eine Menschenlänge entfernt: ein deutscher Soldat. Es wirkt wie ein freundliches Aufeinandertreffen der Kulturen, eigentlich aber verkörpert die Situation die pure Angst. Der Soldat hält die Hand griffbereit am Maschinengewehr. Das Gesicht des Afghanen verwischt von der Langsamkeit der Großformatkamera.
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Verloren in einer Idylle - als gäbe es hier, in dieser kargen Landschaft am Hindukusch, gar keinen Grund für einen Krieg. "Ich möchte keine simulierten Bilder machen", sagt Jo Röttger. "Ich möchte nicht inszenieren. Ich bitte die Soldaten auch nicht, für mich zu schießen, nur um Dramatik ins Bild zu bekommen. Ich fotografiere, was ich wahrnehme."
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"Der anonyme Blumenmann steht für viele Menschen, die uns begegnet sind und von denen wir nicht wussten: Fliegen sie uns gleich um die Ohren oder nicht? Es ist die typische Stimmung eines Sprengstoffanschlags, der aus einer scheinbar harmlosen Situation beginnt." Aber das ist nicht die eigentliche Geschichte, die Röttger erzählen will, oder doch? "Ich wollte keine Geschichten mitbringen, ich wollte Bilder mitbringen." Der 57-Jährige steht am Fenster, raucht, blickt auf das Wasser.
Dann kommen sie doch, die Geschichten ...
Die vollständige Geschichte und weitere Bilder finden Sie in PHOTOGRAPHIE 6/2012.
Fotos: Jo Röttger
Autor: Jana Kühle