Roger Ballen
Freakshow
Was umtreibt einen international hoch angesehenen Fotokünstler wie Roger Ballen, sich mit 62 Jahren in die Unterwelt des Hip-Hop zu begeben? Und was verbindet ihn mit der südafrikanischen Musikgruppe Die Antwoord. Im Exklusiv-Interview klärt er auf und präsentiert erste Fotografien vom Set.
Ruhig und besonnen wirkt der schlanke Mann in schlichter Kleidung bei Gesprächen mit Kunstinteressierten und der Presse. Ein reifer Mensch, der in sich ruht, interessiert an seinem Umfeld partizipiert, ohne sich von ihm vereinnahmen zu lassen. Als "geerdet" könnte man Roger Ballen wohl beschreiben.
Und tatsächlich reiste der 1950 in New York geborene und seit über 30 Jahren in Südafrika lebende Geologe durch den ganzen Kontinent, um Gesteinsproben zu entnehmen. Dabei lernt man Land und Leute kennen, gewinnt eine vage Vorstellung vom Großen und Ganzen und kann sich beflügelt fühlen, in eine Auseinandersetzung zu treten - als Mensch, Künstler und/oder Fotograf. Seine bisherigen Schwarzweiß-Kompositionen sind festgelegt: von den paritätischen Maßen des Formats seiner Rollei ausgehend bis hin zu den Bild prägenden Accessoires. Einzig der von bewegten Menschen und Tieren ausgehenden Spontaneität räumt er gelegentlich gestalterische Freiheit ein. Dann steht er vor der Kamera und wartet einfach ab, was geschieht. Seine Inszenierungen sieht Ballen gern im weitesten Sinne dem Genre Dokumentation zugeordnet, bezeichnet sie als "Reportagen eines bestimmten Lebensgefühls".
Auch die Hip-Hop-Kultur drückt ein bestimmtes Lebensgefühl aus und legt Zeugnis ab: Sie steht für die musikalische Auseinandersetzung einer sozialen Unterschicht. Charakteristisch für diese in den 70er-Jahren den afroamerikanischen Ghettos entsprungenen Stilrichtung ist die harte Ausdrucksweise des Sprechgesangs. Durch sie entladen die Underdogs Frust, Trauer, Wut. Sie thematisieren, was ihre Subkultur prägt: Tod, Familie, Kriminalität, Sex und Drogen. Die so ausgelebte Emotionalität zu existenziellen Problemen fand eine treue Fan- Gemeinde und bis heute Nachahmer rund um den Erdball - auch in Südafrika: "Zef" nennt die Rapund Rave-Group unter dem Namen Die Antwoord ihre Musikrichtung, was in Afrikaans so viel heißt wie "Hinterwäldler" oder "Prolet".
Der satanisch dreinblickende Watkin Tudor Jones ("Ninja"), die zerbrechlich wirkende Yo-Landi und der scheue DJ Hi-Tek heizten erst vor zwei Jahren auf YouTube einem weltweiten Publikum derart ein, dass es sie per Mausklick zu gefragten Newcomern der internationalen Musikszene erhob. Noch immer ist nicht ganz klar, welche Ziele genau die Meister der Selbstinszenierung verfolgen, wie glaubwürdig die Provokationen in Text und Bild sind. Alles nur Fake? Ein Trugbild? Abbild einer innerlich zutiefst zerrissenen Gesellschaft? "Die einzig wahren Dinge im Leben sind die unerwarteten. Alles andere ist nur eine Illusion", sagt "Ninja".
Lesen Sie den gesamten Artikel und das Interview in der PHOTOGRAPHIE-Ausgabe 05-2012.
Fotos: Roger Ballen
Autor: A. Spaeth