Making-of: Christian Popkes
Diesseits von Winnetou
Vor neun Jahren wirbelt ein Unfall das Leben von Christian Popkes durcheinander. Den Neuanfang sucht der frühere Werbefotograf in den Weiten eines Sioux-Reservats. Und findet berührend nahe Bilder einer ebenso faszinierenden wie verlorenen Kultur.
Er hatte das Auto beim besten Willen nicht sehen können, es war nicht seine Schuld, aber das machte keinen Unterschied. Der Kühler traf erst sein Motorrad, dann sein Bein mit voller Wucht: Knochen brachen, Sehnen rissen. Das war vor neun Jahren. Zwei Jahre brauchte der Hamburger Fotograf Christian Popkes, um wieder laufen zu lernen. Zwei Jahre, in denen man viel Zeit hat zum Nachdenken. Über das, was war, was ist, was noch kommen soll.
Sioux aus Whiteclay, einer zwei Dutzend Seelen zählenden Grenzstadt, die vom Alkoholverkauf an die Reservatbewohner lebt (l.). Für Westler schwer zu lesende Mimik: Paul "Red Cloud", Nachkomme eines berühmten Oglala-Häuptlings (r.).
"Was ich brauchte, war Weite. Ich habe die Weite gesucht."
"Motorradfahren war ein wichtiger Teil meines Lebens, nach dem Crash hatte ich jedoch einfach zu viel Angst. Aber dann habe ich mir gesagt, du musst wieder rauf auf den Bock, weil die Angst sonst bleibt und sich woanders zeigt", sagt Popkes heute. Als der Unfall passierte, war er gut im Geschäft, lebte das Leben eines Werbefotografen mit all seinen Licht- und Schattenseiten. Shootings mit allem Pipapo, große Kunden, große Budgets, große Teams. Aber auch: ziemlich kleine kreative Freiräume, mehr Schein als Sein, Fremdstatt Selbstbestimmtheit. "Nach dem Unfall war mir klar, dass ich mein Leben ändern, dass ich alles auf Null setzen musste. Was ich brauchte, war Weite. Ich habe die Weite gesucht."
 |
|
Näher dran als die meisten Weißen: Popkes hat die meisten Aufnahmen aus ca. einem Meter Entfernung gemacht.
|
|
|
|
|
Die Weite, das war in Popkes Vorstellung die Prärie, Grasland, das bis an den Horizont reicht, unterbrochen nur von eisgrauen Flüssen, ockerfarbenen Felsen, vereinzelten Bäumen. Es war das Land seiner Kindheit, der Zeit, als er die "Winnetou"- Trilogie verschlang und all die anderen Werke des fantastischen Geschichtenerfinders Karl May. Und jetzt gab es da dieses Motorrad: eine Indian, der tief röhrende Traum vieler Biker, die zum Verkauf stand auf dem größten Harley-Davidson-Treffen der Welt in Sturgis, South Dakota, USA. Popkes nahm einen Teil seines Schmerzensgelds, ging online, ersteigerte den alten Tourer mit den verführerischen Art-déco-Rundungen und flog in den Mittleren Westen zu den Black Hills, den heiligen Bergen der Lakota-Sioux, um mit dem neuen Gefährt auf Jungfernfahrt zu gehen im Indianerland. "Indian Chief", sagt Popkes und lacht. "Witziger Zufall, das mit dem Namen."
Den gesamten Artikel des Making-of finden Sie in der PHOTOGRAPHIE Ausgabe 7-8/2012
Fotos: Christian Popkes
Autor: Peter Schuffelen