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Camera obscura
Poesie. Keine andere Kamera transportiert derart große Gefühle wie die Camera obscua. Lisa Lindner zu diesem Lichtbild: "Mein Weg führt zurück in die Zivilisation, weg vom Meer. Der große Parkplatz breitet sich wie ausgestorben vor mir aus, ich fühle bereits Lauern und ungeduldiges Warten. Aus den Städten werden sie kommen, die Busse mit Menschen in Scharen, die den Strand besetzen, als wäre er ihr Eigen. Als würde irgendjemand die See besitzen, ein Irrtum." Foto: Joachim Lindner
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Camera obscura

Das andere Licht


Es ist wie ein Ausflug in eine längst vergessene Welt, in der die beteiligten Fotografen ihre kuriosen Kameras auf ein Stativ stellen, den Bildausschnitt grob anpeilen und per Hand den Weg für das Licht freigeben. Begleiten Sie mit uns Joachim Lindner und das Team Obscurewelten.

"Die Kokerei auf Zeche Zollverein ist mir spontan ins Auge gefallen", erinnert sich Wanja Hohmeier. Der Bildaufbau ist den Anforderungen der 360-Grad-Fotografie geschuldet und liefert ausreichend Platz rings um die Gebäude herum.
"Man braucht nicht viel", erklärt Wanja Hohmeier bei unserem ersten Treffen in Hamburg, nur regnen sollte es nicht, damit die selbst gebaute Camera obscura keinen Schaden nimmt. Natürlich hatte der Himmel über der Hansestadt an diesem Tag seine Schleusen geöffnet, doch der frische Wind trieb die Regenwolken davon - wir konnten also doch noch loslegen.

Dieses Einzelbild aus einer 360-Grad- Aufnahme fällt in den Themenbereich "besondere Orte" und zeigt den Marktplatz der Weltkulturerbe-Stadt Stralsund. Franka Schimankowitz hat hier auf gerade Linien in der Architektur geachtet, um dem Auge eine bessere Orientierung zu bieten und den Sog ins Bild zu verstärken.
Obscurewelten
Als Wanja seine Tasche öffnet, kommt eine sechseckige "Schachtel" zum Vorschein - eine 360-Grad-Lochkamera Marke Eigenbau, die man neben den Panoramen auch als "Trommelkamera" für sechs Aufnahmen nutzen kann. Denn das Team der Obscurewelten arbeitet mit selbst gebauten Kameras und belichtet nicht auf ein Negativ, sondern auf Fotopapier, wie es der eine oder andere vielleicht noch aus dem Fotolabor kennt. Wanja Hohmeier, Rupert Kraft und Franka Schimankowitz arbeiten mit Tetenal-Work-Festgradationspapier.

Joachim Lindner nahm dieses Bild von einem möglichst flachen Standpunkt aus auf. So wirkt es, als wäre die U-995 eben erst auf Laboe gestrandet. Das stürmische Wetter erzeugt während der zweieinhalbminütigen Belichtung eine spektakuläre Bewegungsdynamik.
"Angefangen", erinnert sich Wanja, "hat alles mit einer zur Camera obscura umgebauten Keksdose und der philosophischen Auseinandersetzung mit der Lochbildfotografie an der Hochschule für bildende Kunst." Daraus ist ein leidenschaftliches Projekt geworden. Um der Beliebigkeit der Motive zu entgehen, setzen sich die drei feste Themen wie Mobilität, über den Dächern von ... und Ähnliches.

Wanja Hohmeier, Rupert Kraft und Franka Schimankowitz vom Projekt Obscurewelten fotografieren zu bestimmten Themenschwerpunkten häufig mit ihrer zu einer Lochkamera umgebauten Keksdose (oben links). Rechts daneben ein Blick in ihre selbst gebaute 360-Grad-Lochbildkamera. Weitere skurrile Apparate von Brendan Barry sehen Sie darunter. Im Gespräch mit PHOTOGRAPHIE verriet Barry, dass ihm seine ersten selbst gebauten Lochkameras auf Dauer zu wenig mobil waren. Daher entschloss sich der britische Künstler zu einem ungewöhnlichen Projekt und funktionierte einen alten Wohnwagen zur Camera obscura um. In der nächsten Ausgabe stellen wir Ihnen das Makingof dieser Aktion und die besten Bilder von Brendan Barry vor.
"Jedes Bild will gut überlegt sein, denn ein Wechsel des Fotopapiers ist jedes Mal ein Akt, der höchste Konzentration und einen lichtdichten Beutel erfordert. Außerdem muss auch das belichtete Papier sicher verpackt werden, bis es im Labor an die Entwicklung geht."

Den gesamten Artikel mit vielen weiteren Bildern finden Sie in der PHOTOGRAPHIE-ePaper-Ausgabe 3/2018.

Buchtipp: 'Lange Zeit'

Zehn Jahre lang bereiste Joachim Lindner mit seiner Robert- Rigby-Pinhole-Kamera regelmäßig die Baltische See, um das Binnenmeer charaktervoll und emotional abzulichten. Bei Wind und Wetter verharrte er manchmal minutenlang, um die Porträts der Ostsee einzufangen, die er in diesem Bildband veröffentlicht. Begleitet werden die Fotos von feinsinnigen Texten seiner Tochter Lisa Lindner. Das Buch wird von Seltmann + Söhne verlegt und kostet 39 Euro. Eine limitierte Kunstedition kann beim Fotografen bestellt werden (post@JL-fotografie.de). Tipp: Noch bis zum 3. April sind die Bilder in der Villa Irmgard in Heringsdorf zu sehen. http://bit.ly/2DhJS9y

Obscurewelten

Rupert Kraft, Franka Schimankowitz und Wanja Hohmeier (von links), abgebildet von einer Lochkamera, arbeiten mit der Urform der Fotografie - der Camera obscura - und beschäftigen sich mit experimentellen Lichtbildprozessen. Immer das Ziel vor Augen, den Motiven mit ihren Eigenbauten eine neue Bedeutung zu verleihen, fotografieren sie themengebunden und schaffen einen Dialog des analogen und des digitalen Wesens der Fotografie. www.obscurewelten.com


Fotos: Joachim Lindner, Wanja Hohmeier, Rupert Kraft, Franka Schimankowitz
Autor: Tobias F. Habura, Roman Späth

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