200 junge Fotografen kämpften mit ihren Bildern zum Thema „Zeit“ um die Siegerplätze in der zehnten Runde des renommierten Talentwettbewerbs PhotoVision. Die 5.000-Euro-Siegprämie ging an die Schweizerin Désirée Good.
Wer schon einmal mit der Bahn nach Hamburg gefahren ist, kennt den
Moment, wenn am Zugfenster die Deichtorhallen vorbeiziehen. Die 1911
und 1914 errichteten Bauten fesseln die Blicke der Reisenden mit ihrer
eleganten Architektur aus der Übergangsperiode vom Jugendstil zu den
Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts. Die Deichtorhallen sind natürlich
auch immer ein ganz praktisches Zeichen: Es sind nur noch wenige
Minuten bis zum Hauptbahnhof – das Ziel ist erreicht.
Für viele Fotografen haben die Deichtorhallen genau diese Bedeutung:
Besonders dann, wenn ihre besten Bilder, die Essenz ihres Fotolebens,
hier präsentiert werden. Altmeister F. C. Gundlach gab zum Beispiel
seine legendäre Fotosammlung als Dauerleihgabe, der Spiegel sein
Bildarchiv. Keine Frage: Die südliche Deichtorhalle, besser bekannt als
Haus der Photographie, ist eines der Traumziele für Fotografen. Das
gilt auch für Talente, die am Anfang ihrer Karriere stehen. An einem
sonnigen Augusttag lagen die Bilder von 200 Nachwuchskünstlern,
Beiträge zum PHOTOGRAPHIE-Förderpreis PhotoVision, ausgebreitet auf den
Tischen des Auditoriums im Haus der Photographie: 1.000 Fotografien –
ein einzigartiger Querschnitt durch die junge Fotoszene.
Ingo Taubhorn, Fotograf und Kurator im Haus der Photographie, hatte die
PhotoVision-Jury für die Entscheidung über die sechs besten Serien nach
Hamburg eingeladen. Neben Taubhorn mit dabei in diesem Jahr: Marlene
Schnelle-Schneyder (Kunstwissenschaftlerin), Andrea Berndt (Canon),
Elisabeth Claußen-Hilbig (Olympus), Michael Domke (Wacom) und Frank
Späth (PHOTOGRAPHIE). Vor ihnen die schwierige Aufgabe, die
faszinierendsten Arbeiten herauszufiltern. Top oder Flop? Um es bis in
die Finalrunde zu schaffen, brauchten die Fotoserien eine Mehrheit in
der Jury. Zwangsläufig blieb der ein oder andere persönliche Favorit
der Jurymitglieder auf der Strecke.
Erfolgsfaktoren waren zum Beispiel künstlerische Originalität der
Arbeit oder die handwerkliche Perfektion bei der Umsetzung. Im
Unterschied zu zahlreichen anderen Fotowettbewerben müssen bei
PhotoVision Fotoprints eingesendet werden. Für die Teilnehmer bedeutete
das, dass sie auch Klasse beim Printen ihrer Fotos beweisen mussten.
Viele scheiterten an dieser Hürde und konnten ihre guten Ideen nicht
wirklich überzeugend zu Papier bringen.
Überraschend hoch war die Zahl der Wettbewerbsbeiträge von weiblichen
Teilnehmern. Offensichtlich sind die Zeiten endgültig vorbei, in denen
Fotografieren als Männerdomäne galt. In diesem Sinne gingen die drei
ersten Plätze an Fotografinnen. Die Siegerin kommt zum ersten Mal in
der zehnjährigen Geschichte des renommierten Nachwuchspreises aus der
Schweiz: Die Zürcherin Désirée Good konnte mit ihren klug inszenierten
Alltagsszenen Akzente setzen. Ihr folgt auf dem zweiten Platz die
Dortmunderin Claudia Dreyße, die mit den Augen einer Romantikerin
betörend schöne Seiten von Industrieanlagen entdecken konnte. Mit ihrer
Reportage in drei Bildern vom Sterbebett ihres Großvaters beeindruckte
die Mannheimer Studentin Nadine Maier (3. Platz) die Jury. _
Sea
1. Preis
5.000 Euro Startkapital für die große Karriere
Désirée Good (Jahrgang 1982), Zürcher Hochschule der Künste,
www.desireegood.ch
Für ein halbes Jahr packte Désirée Good ihre Koffer, ließ ihre Heimat hinter sich und studierte an der School of Visual Art in New York. Nach ihrer Rückkehr ging es für sie an der Zürcher Hochschule der Künste weiter, ihr Diplomstudium schloss sie im vergangenen Jahr erfolgreich ab. In der Praxis hat sie sich mit Ausstellungen in der Schweiz, Deutschland und den USA beweisen können.

2. Preis
Canon EOS 5D Mark II Kit mit 24–105 mm 1:4 L IS USM, Wert: 3.299 Euro
Claudia Dreyße (Jahrgang 1977), Fachhochschule Dortmund,
www.claudiadreysse.de
Die Biografie der Fotodesignerin enthüllt einen ungewöhnlichen Weg: Vor ihrem Fotodesign-Studium in Dortmund, das sie 2008 mit dem Diplom abgeschlossen hat, studierte Claudia Dreyße Architektur – vielleicht erklärt diese Doppelqualifikation, dass sie auch in Industrielandschaften Schönheit entdecken kann. Ihre Schwerpunkte liegen auf Architektur- und Landschaftsfotografie. Nachdem sie Erfahrung als Fotoassistentin sammeln konnte, hat die Dortmunderin Anfang des Jahres den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt.
3. Preis
Adobe Creative Suite 4 Design Premium, Wert: 2.199 Euro
Nadine Maier (Jahrgang 1984), Hochschule Mannheim
Erste Einblicke in den Berufsalltag einer Fotografin gewann Nadine Maier schon früh als Praktikantin in einem Fotostudio in Baden-Baden. Nach kurzen Stationen in Karlsruhe und Meersburg entschloss sie sich vor zwei Jahren nach Mannheim zu gehen, wo sie nun Kommunikationsdesign studiert.
4. Preis
Olympus E-30 Kit mit 14-54 mm 1:2,8–3,5 II, Wert: 1.749 Euro
Dirk Müggenburg (Jahrgang 1977), HAW Hamburg,
www.urieilam.com/dirkmueggenburg
Der Berliner ist kein unbeschriebenes Blatt: Frühe Bilder von ihm kennt man zum Beispiel aus der Visual Gallery (photokina 2006). Müggenburg hat bei der Fotoprofessorin Ute Mahler in Hamburg studiert (Diplom 2005), für ein Auslandssemester ging er an die Jerusalemer Bezalel Academy of Arts and Design. In Israel wird seinen Arbeiten besondere Aufmerksamkeit geschenkt – in diesem Jahr hatte er dort schon zwei Ausstellungen.
5. Preis
Wacom Cintiq 12WX, Wert: 1.190 Euro
Rainer Wengel (Jahrgang 1980), FH Würzburg-Schweinfurt,
www.rainerwengel.com
Der gebürtige Würzburger hat während seines Studiums als Praktikant dem Nachtfotografie-Spezialisten Berthold Steinhilber über die Schultern schauen können. Den erfahrenen Profi und das Nachwuchstalent verbindet die Faszination für atmosphärische Ausleuchtung ihrer Motive. Rainer Wengel bestand im Frühjahr dieses Jahres die Diplomprüfung im Studiengang Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Seit Mitte März verdient er sein Geld als selbstständiger Fotograf in Würzburg.

6. Preis
Dörr Studio Kit DE 200 C + 2x DE 300 C, Wert: 999 Euro
Helena Petersen (Jahrgang 1987), Universität der Künste Berlin,
helenapetersenphotography.com
Die gebürtige Münchnerin ist für ihre 22 Jahre schon ziemlich in der Welt herumgekommen: In Sydney jobbte sie beispielsweise als Assistentin einer Modefotografin und bei dem Starfotografen David LaChapelle hat sie in Los Angeles ein Praktikum absolviert. An der Amsterdamer Gerrit Rietveld Academie studierte Helena Petersen unter anderem Fotografie und ab Oktober wird sie Schülerin der Professorin Leiko Ikemura an der Universität der Künste in Berlin. Auch wenn Fotografie ihre wahre Leidenschaft ist: Helena Petersen hat nebenbei einen Intensivkurs in Betriebswirtschaftslehre belegt. Keine schlechte Idee in diesen Zeiten.
Mehr zum Thema lesen Sie in der PHOTOGRAPHIE Ausgabe 11/2009.
bisherige Kommentare:
Artikel bisher unkommentiert!
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