Erfinder der Shiftobjektive: Thomas Scheimpflug (1865–1911)
Tilt- und Shift-Objektive bieten durch ihre Schwenk- und Verstelleinrichtung nicht nur die Möglichkeit, perspektivische Verzerrungen zu kompensieren, sie erlauben zudem ein kreatives Spiel mit der Schärfe und garantieren dadurch eine ganz besondere Bildästhetik.
Großbildkameras besitzen zwischen Kamera und Objektiv einen beweglichen Balgen, mit dessen Hilfe stürzende Linien korrigiert und die Schärfe gezielt ins Bild gelegt werden kann. Tilten und Shiften lauten die Fachbegriffe dafür. Tilt- und Shift-Objektive wurden und werden in erster Linie bei der Architektur- und Produktfotografie eingesetzt, sie eignen sich aber auch für Landschafts-, Porträt- und Stillaufnahmen oder überall dort, wo eine dementsprechende Korrektur nötig ist. Bei herkömmlichen Kleinbildkameras steht die optische Achse fix in der Mitte und zudem senkrecht zur Film- oder Sensorebene. Scharfgestellt wird durch das Verschieben des optischen Systems entlang der optischen Achse. Mit dem Canon TS 2,8/35 mm SSC erschien im März 1973 das erste Kleinbildobjektiv, das sowohl eine Dezentrierung (Verstellmöglichkeit parallel zur Sensorebene) als auch eine Verschwenkung des optischen Systems erlaubte. Möglich wurde dies durch den Bildkreis des jeweiligen Objektivs, der größer ist, als es eigentlich für das Kleinbildformat nötig wäre.
Know-how: Shiften Der Hauptunterschied zwischen einem Tilt- und Shiftobjektiv und einem Normalobjektiv ist, wie eingangs erwähnt, der größere nutzbare Bildkreis. Während bei den „normalen“ Objektiven der Bildkreis genau auf das Aufnahmeformat passt, ist der der TS-Objektive wesentlich größer. Durch das Verschieben von Objektiv- und Kameraebene zueinander lässt sich der größere Bildkreis nutzen. Da die Film- beziehungsweise Sensorebene dabei parallel zur Gebäudeebene bleibt, verhindert stürzenden Linien. Neben dem Aufrichten gestürzter Linien bietet das TS-E-Objektiv noch zwei weitere Vorteile. Bei spiegelnden Fassaden können Sie das Gebäude seitwärts versetzen und so störende Spiegelungen aus der Aufnahme „herausshiften“ – das klappt übrigens auch mit unerwünschten Objekten im Vordergrund. Außerdem eignen sich TS-Objektive zur Herstellung von Panoramen, bei denen mehrere geshiftete Aufnahmen zu einem Bild zusammengefügt werden.
Knowhow: Tilten Die Verschwenkung des optischen Systems hebt die Parallelität zwischen Objektivebene und Film- /Sensorebene auf und ermöglicht so ein kreatives Spiel mit Schärfe und Unschärfe, welches – und das ist der entscheidende Punkt – unabhängig von der Blendeneinstellung ist. Die Schärfe kann flächig von vorne bis hinten im Bild sichtbar werden oder auch nur punktuell in einem kleinen horizontalen oder vertikalen Streifen, ganz nach der Intention des Fotografen.
ALLE ANBIETER IN DER MARKTÜBERSICHT:
Canon Drei TS-E-Objektive mit einem Schwenkbereich von jeweils +/– 8 Grad und einem Verstellbereich von +/– 11 Millimetern hat Canon derzeit im Programm: Das TS-E 3,5/24 mm L ist ein Superweitwinkel, bei dem eine asphärische Frontlinse wirksam Verzeichnungen korrigiert. Es eignet sich hervorragend für den Einsatz in der Architekturfotografie sowohl bei Außen- wie auch bei Innenaufnahmen. Beim TS-E 2,8/45 mm entspricht der Bildwinkel dem des menschlichen Auges, und dadurch ist dieses Objektiv quasi universell einsetzbar. Unter anderem bringt das Canon alles mit, was für den Einsatz in der Produktfotografie nötigt ist. Die Naheinstellgrenze liegt bei 40 Zentimetern. Etwas mehr, nämlich 50 Zentimeter Abstand, braucht man, wenn man das TS-E 2,8/90 mm verwendet. Dessen Domäne ist wegen der geringen perspektivischen Verzerrung die Table-Top- und Porträtfotografie. Alle drei Objektive – dass zeigte unser Praxistest – zeichnet eine hohe Abbildungsleistung aus. Die Canon-Objektive sind hochauflösende Kleinbildobjektive und wurden auch für dieses Format entworfen und berechnet. Ein großer Pluspunkt ist die automatische Blendensteuerung. Wie üblich bei Shift-Objektiven, müssen auch die drei Canon-Spezialisten manuell scharfgestellt werden. Die Fokussierung erfolgt durch das Verschieben des interglieds. Praktisch: Sind die Signaltöne an der EOS aktiviert, so betätigt ein kurzer Piep die erfolgreiche manuelle Scharfstellung. Durch die intelligente Konstruktion lassen sich die um 360 Grad rotierbaren TS-E-Objektive leicht mit einer Hand bedienen – ein Stativ ist nicht zwingend notwendig.
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Hartblei Optica Kiev Dass Glas schwer sein kann, das zeigt die ukrainische Firma Hartblei Optica Kiev mit ihren massiven TS-Neukonstruktionen. Diese ursprünglich für das Mittelformat-Auflagemaß von 74,9mm konzipierten Objektive ermöglichen durch den mindestens 30 mm größeren Abstand der Hinterlinse zum Sensor einerseits den Einsatz des 2 x 360Grad drehbaren Shift- und Tilt-Mechanismus; andererseits verringert sich dadurch auch der Winkel, in dem die Randstrahlen beim Vollformatsensor auf die Microlinsen treffen, was die negativen Auswirkungen dieses Effektes nahezu vollständig eliminiert. Gegenüber anderen Shift- und Tilt-Objektiven mit geringeren Schnittweiten arbeiten die Hartblei-Objektive aber auch bei maximaler Verstellung mit kleineren Winkeln und erreichen so eine gleichmäßigere Ausleuchtung sowie Schärfe und Kontrast. Dies wird noch unterstützt durch die Carl-Zeiss-Linsen mit einer Auflösung von bis zu 200 Linienpaaren pro Millimeter. Drei Brennweitenvarianten mit 10 mm Shift und 8 Grad Tilt stehen zur Wahl: das Hartblei Prototyp 4/40 mm IF TS – ein Universalobjektiv mit Innenfokussierung, das Hartblei Prototyp 2,8/80 mm TS (das aufgrund seiner partiellen Weichzeichnungseigenschaften besonders für Mode- und Personen-Fotografie geeignet ist) und das Hartblei Prototyp 4/120 mm TS für Nahaufnahmen bei Abbildungsmaßstäben von ca. 1 : 20 bis 1 : 1 (mit Zwischenringen). Es ist geeignet für Sach- und Werbefotografie (analog und digital) Naturfotografie, Industrie und Dokumentation. Die Hartblei-Objektive werden mit folgenden Bajonettausführungen angeboten: Canon EF, Nikon F, Sony/Minolta, Pentax K, Leica R, Contax, M42 universal. In der Praxis ließen sich die Kandidaten gut bedienen. Wegen des hohen Gewichts ist aber ein Stativ erforderlich. Bei Kameras mit eingebautem Blitz beziehungsweise weit hervortretendem Sucherprisma ist das Rotieren der Linse eine Fingerübung, denn der kleine Hebel kann wegen der baulichen Hindernisse nur schwer erreicht werden. Ein Pluspunkt in Sachen Handhabung sind die leichtlaufenden Shift- und Tilt-Einstellringe, die mit zusätzlichen kleinen Aufsätzen noch handlicher gemacht werden können. Stifte unterschiedlicher Größe können eingesetzt werden und erleichtern das Tilten und Shiften per Daumendruck. In Sachen Bildqualität setzen die Hartblei-Objektive neue Maßstäbe.
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Brenner Mit den B.I.G. Shift & Tilt-Objektiven 2,8/35 mm und 2,8/80 mm bietet der Brenner-Fotoversand zwei günstige Einsteigermodelle für etwa 500,– Euro. Noch – denn beide Modelle sind nur noch als Restposten in begrenzter Stückzahl verfügbar. Folgende Anschlüsse stehen zur Wahl: Canon EOS EF, Canon FD, Contax/Yashica, Leica R, M42, Minolta Dynax, Minolta MD, Nikon MF, Olympus und Pentax K. Beim Ansetzen an einige Nikon- Kameras kann es wegen des vorstehenden Prismas zu Einschränkungen in der Handhabung kommen. Beide Objektive besitzen – wie alle anderen TS-Objektive – keinen Autofokus und keine Blenden-/Programmautomatik. Die Zeitautomatik kann aber eingesetzt werden. Und in der Praxis: Die Brenner Shift- und Tilt-Objektive sind in der Handhabung nicht ganz so ausgefeilt wie die Konkurrenz. Gerade bei Kameras mit hervorstehenden Sucherprismen wird das Einstellen schwierig. Auch in Sachen Randabschattung bei Offenblende und Bildqualität schneiden die Modelle von Canon, Nikon und Hartblei besser ab. Allerdings sind die Brenner-Objektive auch um ein Vielfaches günstiger und bieten daher eine überaus interessante Alternative für den TS-Einsteiger. Durch das Verschieben des Objektivs (Shiften) können stürzende Linien kompensiert werden. Durch das Verkippen wird die Schärfe bei konstanter Blende flächig von vorne bis hinten im Bild sichtbar – oder auch nur punktuell in einem kleinen horizontalen oder vertikalen Streifen.
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Nikon Das optische System des Nikon PC Micro-Nikkor 2,8/85mm D kann um 8,3 Grad in jeder beliebigen Richtung zur optischen Achse verschwenkt und um 12,4 Millimeter verschoben werden. Das Objektiv, das eine Makrofunktion bis zum Abbildungsmaßstab 1 : 2 bietet, eignet sich unter anderem für Werbefotografen, die sich mit Produktfotos und Tabletop beschäftigen. Die Naheinstellgrenze liegt bei 39 Zentimetern. Die Mehrschichtenvergütung „Super Integrated Coating“ und der automatische Korrektionsausgleich CRC sorgen für die gute Abbildungsleistung und Farbwiedergabe. Das Objektiv lässt sich um +/– 90 Grad drehen.
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Fazit Die kreativen Möglichkeiten durch den Schärfeverlauf und die perspektivischen Korrekturmöglichkeiten machen die TS-Objektive interessant und erweitern das kreative Potenzial des Anwenders um ein Vielfaches.